Wallhecken

Bei den Ostfriesen heißen sie kurz "Wall" - gemeint sind Wallhecken. In den Landkreisen Leer, Aurich, Wittmund, Friesland und Ammerland gibt es heute noch mehr als 8.000 km dieses Heckentyps (s. Abb. unten). Dies entspricht in etwa dem 14fachen der Entfernung zwischen Hamburg und München! Die strukturreiche Wallheckenlandschaft läßt sich herrlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erleben - und gleichzeitig gibt es viel am Wegesrand zu entdecken! Sie macht bis heute das Bild der Kulturlandschaft der ostfriesischen Geestgebiete aus.

Was ist eine Wallhecke?

Die Wallhecke kommt in einem Gebiet vor, das in einem Gürtel von Heckenlandschaften an der Küste Westeuropas von Dänemark bis nach Nordportugal reicht (SIEBELS 1954).
Die Wallhecke setzt sich aus dem Wallkörper und dem Bewuchs zusammen.
Wallhecken sind nach dem Niedersächsischen Naturschutzgesetz definiert als „mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Wälle, die der Einfriedigung dienen oder dienten“.
Die Verbreitung der Wallhecke ist in Ostfriesland nicht nur aufgrund der Funktion des Windschutzes erklärbar, sondern auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Dörfer und der bäuerlichen Wirtschaftsflächen.
In Ostfriesland besteht der Wallkörper üblicherweise aus anstehendem Erdmaterial, das durch beidseitig des Walls gezogene Gräben gewonnen wird. Die Wälle sind unterschiedlichen Alters.
Die zu einer Siedlung gehörenden Ackerparzellen wurden in der damaligen Zeit fast immer zu einem Gemeinschaftsacker, der Gaste (auch als Esch bezeichnet) zusammengefasst. Infolge der großen Holzknappheit errichteten die Menschen Erdwälle zum Schutz vor dem herumziehenden Vieh und dem Wild, da der Bau eines massiven Holzzaunes am Materialmangel scheiterte. So ging man dazu über, die Gaste mit einem Erdwall zu umgeben, dem Gastringwall. Nach seiner Fertigstellung wurde er mit Büschen und Bäumen bepflanzt. Das bei den jährlichen Grabenreinigungen anfallende Material, wurde auf die Wallkrone gepackt, so daß der Ringwall Jahr für Jahr an Höhe gewann.

Im Laufe der Jahrhunderte verschoben sich die Funktion der Wallhecken nach der Markenteilung stärker zur Markierung der Eigentumsgrenzen. Mußte vor der Markenteilung das Vieh vor den wertvollen Ackerflächen ausgeschlossen werden, so wurde es nun in die neu entstandenen Koppeln eingeschlossen, weil es eine gemeinsam zu nutzende Mark nicht mehr gab.

Neben der Schutzfunktion besaßen die Wallhecken in der damaligen Zeit eine nicht unerhebliche Bedeutung zu Holzgewinnung.

Zur Bedeutung der Wallhecken

Wallheckenlandschaften sind das Ergebnis der traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung, wie sie in Nordwestdeutschland verbreitet war. Sie sind Sinnbilder für eine nachhaltige und pflegliche Nutzung der Natur. Sie zeugen von der Arbeit und der Lebensweise von Generationen unserer Vorfahren und haben somit eine große Bedeutung für das Heimatgefühl der hier lebenden Menschen (SCHUPP/DAHL 1992).

Das Ziel einer stärkeren Vernetzung von Biotopen fand unlängst als neuer Grundsatz Eingang in das novellierte Bundesnaturschutzgesetz (§ 3 BNatschG), so daß die in Ostfriesland vorhandene Wallheckenlandschaft als vorbildlich gelten kann.
Wallhecken beeinflussen durch ihre vernetzte Struktur das Ausbreitungsvermögen von Pflanzen und Tieren, sie erhöhen als vertikale Strukturelemente die Vielfalt und Eigenart der Landschaft, beeinflussen das Kleinklima positiv und stellen ein Refugium für seltene und gefährdete Tierarten dar.
Allein an die auf den Wallhecken vorkommenden Hauptgehölzarten Stiel-Eiche, Birke, Eberesche, Faulbaum, Weiden, und Schlehe, Weißdorn und Brombeere sind nahezu 1000 spezialisierte Insektenarten gebunden.
Entscheidend für die ökologische Gesamtfunktion des Biotoptypenkomplexes der Wallheckengebiete ist neben den extensiv gepflegten Saumstrukturen der Wallhecken und deren Breite, insbesondere die Nutzung der Kulturflächen. Hierbei kommt der überwiegenden Grünlandnutzung im ostfriesischen Wallheckengebiet eine große Bedeutung zu. Viele grünlandbewohnenden Tierarten (z.B. Laufkäfer, Heuschrecken und Schmetterlinge) brauchen die Wallhecken als Rückzugs,-Deckungs- und Fortpflanzungsraum. Die Tierartenvielfalt der in den wallheckenumrahmten Grünlandgebieten festzustellenden Tierarten wäre ohne Wallhecken deutlich geringer.
Ebenso reduziert sich die feststellbare Tierartenvielfalt bei einer angrenzenden ackerbaulichen Nutzung der Kulturflächen.
 
Die Wallhecken sind ein wichtiges Rückzugsgebiet für seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Die meisten der hier zu findenen Arten haben außerhalb der schützenden Hecken keine Überlebensmöglichkeit.

Die früher stark ausgeprägte Nutzung der Wallhecken durch regelmäßiges „auf den Stock“-setzen des Gehölzaufwuchses begünstigte die ökologisch höherwertigen Strauchheckentypen mit den  ausschlagskräftigen Gehölzarten wie Schlehe, Hasel, Holunder, Weißdorn, Stiel- Eiche, Esche, Hainbuche und Weidenarten. Die nachlassende Holznutzung der Wallhecken veränderte oftmals den Charakter vieler Wallhecken. Die Bäume (vor allem Eichen) wuchsen durch und verschatteten die Strauch- und Krautschicht. Es entwickelten sich zunehmend „hochwaldähnliche“ Bestände. Mangelnde oder falsche Pflegemaßnahmen und auch Beeinträchtigungen die von den angrenzenden Kulturflächen ausgehen (z.B. Düngemittel- oder Herbizideintrag, Verbiß, Heruntertreten des Wallkörpers durch Weidevieh aufgrund fehlender Auszäunung der Wälle) führen zur Beeinträchtigung der ökologischen Funktionen der Wallhecken und reduzieren die Bedeutung für den Naturschutz erheblich.
Im Verhältnis zu einem Wald hat eine Hecke wesentlich mehr Grenzflächen und eine höhere Biomasseproduktion. Die hohe pflanzliche Produktion ist Grundlage einer großen Zahl von Nahrungsketten und Nahrungsnetzen.

Die hohe ökologische Bedeutung der Wallhecken insbesondere führte auch zur Aufnahme dieser Biotope in den „besonderen Biotopschutz“ nach dem Landesnaturschutzgesetz. Bereits 1935 wurden die Wallhecken als kulturhistorisch und ökologisch bedeutsame  Landschaftselemente durch die Verordnung zur Erhaltung der Wallhecken unter Schutz gestellt. Diese wurde 1981 vom § 33 des Niedersächsischen Naturschutzgesetz abgelöst.

Möchten Sie noch mehr über die Wallhecken Ostfrieslands und über die Wiederentdeckung einer großartigen Kultur-Landschaft erfahren, dann schauen Sie doch auch einmal auf den Seiten der Schutzgemeinschaft Wallheckenlandschaft Leer e.V. vorbei.

Wallheckenvorkommen auf der Ostfriesischen Geest



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